Die Sekte als Droge
Wie bei einer Droge kann man auch zunächst süchtig, später dann abhängig von der Sekte werden. Auch der Einstieg in eine Sekte kann mit dem Einstieg in einen Drogenkonsum verglichen werden. Ein “überirdisches Glückserlebnis” steht am Anfang: alle Probleme scheinen gelöst. Der Einsteiger fühlt sich im selben Moment begeistert, fasziniert, überzeugt und verwirrt: er hat den Zugang zum unendlichen Heil entdeckt. Das Glücksgefühl beim Sekteneintritt ist weder ein Wunder noch ein Zufall, sondern das Ergebnis einer psychologischen Manipulation. Ein Beispiel hierfür ist das sogenannte Love-Bombing, eine Technik mit deren Hilfe der Neuling mit Liebe und Zuneigung überhäuft wird.
Das Glückserlebnis wird durch die Gruppenführer präzise vorbereitet: die Gruppenmitglieder erzählen dem Neuling, wir ihr Leben durch den Beitritt in die Gruppe eine phantastische Wende zum Guten genommen hat. Das auf den Neuankömmling zukommende “Heilserlebnis” wird immer wieder thematisiert, ist immer wieder Gegenstand von Gesprächen, von Vorlesungen und Liedern. Oft ist es dann in einer Gruppenveranstaltung, in der das erleuchtende Erlebnis herbeigeführt wird – mit den Mitteln der Massensuggestion: mitreißende Reden und Predigten, aufreißende Musik, ein Wiederholen der Gebete und Bekenntnisse – bis die Massenhysterie einsetzt. Oder bei anderen Beispielen leise und geheimnisvolle Töne, Duft von Räucherstäbchen, indische Meditationsmusik, Versunkenheit – bis die Ekstase einsetzt. Sinn und Zweck der Übungen: das neue Sektenmitglied soll von dem Glücksgefühl abhängig werden. Die Sekte wird zum Dealer dieses ekstatischen Glücks.
Dieses Glücksgefühl dauert jedoch nur kurz an. Es folgen Zeiten der Arbeit, des Verdrusses, der Langeweile. Dem Mitglied wird suggeriert, es sei schlecht und sündhaft. Die Folge: es versucht durch Disziplin, Gefolgschaft und Unterwürfigkeit wieder aufzusteigen in den Kreis der Würdigen, in den Kreis derer, die ein neues Glückserlebnis verdienen. Und irgendwann darf es dann wieder an dem eigesehnten Glück teilhaben. Danach jedoch wird es wieder hinabgestoßen und fühlt sich schlecht und sündhaft. In dieser Zeit kreisen seine Gedanken ständig darum, wie es das nächste Glücksgefühl erlangen kann. Ähnlich geht es einem Drogensüchtigen. Auch bei ihm kreisen die Gedanken ständig darum, wie er sich den nächsten “Kick” beschaffen kann, er ist bereit alles dafür zu tun.